Als man im Jahre 2005 im Kreis der Kirchenmusiker des Evangelischen Kirchenkreises Berlin-Stadtmitte darüber nachdachte, wie und wo man älteren, langjährig chorerfahrenen Menschen eine neue musikalische Heimat geben könnte, meldete sich Michael Witt, von 1975 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2005 Domkapellmeister an der St. Hedwigs-Kathedrale, und signalisierte sein Interesse, einen solchen Chor zu gründen und zu leiten. Seine Bedingung war jedoch: Dieser neue Chor müsste ökumenisch ausgerichtet sein! Und so kam es im Jahre 2006 zur Gründung der Ökumenischen Seniorenkantorei Berlin unter seiner Leitung. In der Regel sang der Chor einmal im Monat in einem Gottesdienst – sowohl evangelisch als auch katholisch – und darüber hinaus etwa zwei bis vier Konzertprogramme pro Jahr. Während in anderen Chören das Erreichen eines festgelegten Höchstalters mitunter mit tränenreichen Abschieden verbunden ist, so gilt dies nicht für die Ökumenische Seniorenkantorei Berlin. Eine Altersgrenze gibt es dort nämlich nicht. Der derzeit jüngste Chorsänger ist ein fünfzigjähriger Lokomotivführer. Allerdings behält sich der künstlerische Leiter vor, alle Neulinge einer Eignungsprüfung zu unterziehen. Die meisten Mitglieder verfügen über eine jahrzehntelange Chorerfahrung und sind in der Regel blattsicher. Auch die sängerische Kondition ist dadurch gut trainiert, und die Stimmen sind durchaus belastbar. Allerdings muss bei der Auswahl des Repertoires, gerade für den Sopran, eine gewisse Rücksicht genommen werden, um die Stimmen nicht zu überlasten. Die Gründungsmitglieder, wie sie sich im Januar 2006 um Witt scharten, waren vor allem ehemalige Mitglieder des Chores der St. Hedwigs-Kathedrale, der Marienkantorei und der Domkantorei, aber auch aus anderen evangelischen und katholischen Kirchenchören, sowie einige Interessierte, die Bettina und Michael Witt seit ihrer gemeinsamen Studienzeit in Halle verbunden waren.
Der plötzliche Tod von Michael Witt am 21. März 2012 bedeutete für den Chor eine große Herausforderung: Man musste sich neu finden und strukturieren, denn zuvor war die Organisation mehr oder weniger im „Einmannbetrieb Witt“ abgewickelt worden. Schnell war es im Ensemble klar und ausgemacht, dass die Arbeit weitergehen sollte. Noch im März 2012 begann die Suche nach einem neuen Leiter. Die zunächst anstehenden Gottesdienste und Konzerte wurden mit projektweise arbeitenden Dirigenten durchgeführt, beispielsweise mit Harald Schmitt, Nachfolger als Domkapellmeister an St. Hedwig, oder Kilian Nauhaus, Kirchenmusiker an der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin-Mitte, sowie Johannes Sandner, der — obwohl damals selbst noch Kirchenmusikstudent an der Universität der Künste — als Leiter der Potsdamer Seniorenkantorei über einschlägige Erfahrungen verfügte und auch für die Arbeit mit der Berliner Seniorenkantorei ein überaus glückliches Händchen hatte. Aus der Erkenntnis heraus, dass man einen neuen Chorleiter schneller finden würde, wenn man ihn von der organisatorischen Kleinarbeit weitgehend freistellt, wurde im April 2012 ein Chorrat gewählt, dessen Mitglieder die Ressortverantwortung für Finanzen, Noten, Presse oder als Chorsprecher wahrnehmen. Dann musste die Trägerschaft des Chores noch geklärt werden: Dazu fand im September 2012 ein „Runder Tisch“ mit Vertretern des Evangelischen Kirchenkreises Berlin-Stadtmitte, des Erzbischöflichen Ordinariats und des Chorrats der Ökumenischen Seniorenkantorei Berlin statt, als dessen Ergebnis eine gemeinsame Trägerschaft der Evangelischen und Katholischen Kirche und die von ihnen zu erbringenden Geld- und Sachleistungen festgeschrieben wurden.
in Ss. Corpus Christi mit KMD Konrad Winkler
am 11. Oktober 2014
Seit Januar 2013 ist Kirchenmusikdirektor Konrad Winkler, neuer Dirigent und künstlerischer Leiter. Zuvor leitete er den Konzertchor Niederschönhausen und mehrere auf diesen hinführende Kinderchöre. Nun also steht er einem Chor der Junggebliebenen vor, deren Sangeslust und Einsatzbereitschaft die mancher an Jahren Jüngeren durchaus in den Schatten stellt. Für Winkler war die Übernahme des Chores eine große künstlerische Herausforderung, denn bisher hatte er die musikalische Entwicklung vom zartesten Kindesalter bis zum Erwachsensein selbst geformt, jetzt aber musste er sich mit einer starken Tradition auseinandersetzen und einen Chor leiten, dessen Klang, Singen und Sprache von einem anderen Dirigenten geprägt waren. Neben bekannten Werken bringt die Ökumenische Seniorenkantorei Berlin nun weiterhin zahlreiche unbekannte Werke und Neuentdeckungen zur Aufführung. Bereits Witt hatte begonnen, die Musiksammlung der ehemaligen Zisterzienserabtei Neuzelle zu sichten und manche für wertvoll erachtete Werke für eine Wiederaufführung einzurichten. Unter Winklers Leitung erklangen bisher aus der Neuzeller Musikbibliothek: Vesperpsalmen von Johann Georg Schürer sowie eine Messe von Johann Sigismund Grabe, der in den Neuzeller Klosterakten als „Kornschreiber und Compositeur“ geführt wurde. Für viele der Mitglieder ist die Ökumenische Seniorenkantorei Berlin eine zweite Heimat geworden: ein Ort des gemeinsamen Musizierens auf möglichst hohem Niveau, ein Ort eines gelebten kirchlichen Engagements – zusätzlich geadelt durch die ökumenische Ausrichtung – sowie natürlich auch ein Ort der Begegnung, über die Musik hinaus. Schließlich läuft man nach der Probe in der Regel nicht gleich auseinander, sondern bleibt noch bei Kaffee und Wasser, Bier oder Wein zusammen.
Dietmar Hiller
Die Ökumenische Seniorenkantorei Berlin freut sich über neue Mitglieder. Die Proben finden donnerstags von 17 bis 19 Uhr in der Klosterstraße 66 in 10179 Berlin statt. Der monatliche Beitrag liegt bei 10 Euro.